Ein Seminar mit Humboldt 2.0

Ausgangssituation

Das Seminar, das ich zum Ausprobieren von Humboldt 2.0 ausgewählt habe, ist mein „problematischstes“ Seminar. Es handelt sich um einen 2-tägigen Baustein innerhalb der Nachwuchsführungskräfteentwicklung eines internationalen Konzerns. In dieser Seminarreihe werden Mitarbeiter geschult, die Führungskräfte oder Top-Projektleiter werden wollen oder es bereits sind. Die Inhalte der Seminarreihe sind die üblichen – von BWL-Kenntnisvermittlung über Leadership-Inhalte bis hin zu Modulen zur Persönlichkeitsentwicklung.

Die Knacknüsse dieses Seminars zum Thema „Projektmanagement“ sind:

  • Sehr heterogene Zielgruppe in Bezug auf
    • Altersspreizung
    • Überhaupt keine bis hin zu sehr vielen praktischen und/ oder theoretischen Vorkenntnissen
    • Mix aus Nachwuchsführungskräften und Projektleitern
  • Sehr „verwöhnte“ und anspruchsvolle Teilnehmer, die einen Mix aus Spiel und Input wünschen und vom Trainer erwarten, dass er den Input sehr lebendig gestaltet
  • Teilnehmer, die das Seminar häufig verlassen, weil sie telefonieren/ Termine wahrnehmen müssen

Die Themen, die bis dato am meisten gewünscht und vermittelt wurden, sind breit gestreut: Austausch, Projektstart, Projektplanung und –steuerung, Risikomanagement, Stakeholder Management, Rollen in Projekten, Phasen in Projekten, Scrum, Regeln zum Thema im Unternehmen. Das Seminar lief bisher als üblicher Mix aus Theorie-Input und „Spiel“ in Form eines Beispielprojektes ab.

Nachdem ich mich mit Humboldt 2.0 beschäftigt hatte, wollte ich dieses Konzept unbedingt ausprobieren und hielt diese Zielgruppe deshalb für gut geeignet, weil man bei ihnen

  1. den erforderlichen intellektuellen Hintergrund und
  2. die Fähigkeit, sich selbst Wissen aus unterschiedlichen Kanälen zu beschaffen und
  3. die notwendigen Präsentationsfähigkeiten, um es an Kollegen entsprechend zu vermitteln

voraussetzen kann.

Seminarablauf

Der Fahrplan meines neuen Seminarkonzepts sieht nun folgendermassen aus:

Fahrplan_Humboldt_2.0_Seminar

Zum Einstieg stelle ich vor, wie Menschen am besten lernen, was unter Humboldt 2.0 zu verstehen ist und wie dieses Konzept hier im Seminar aussehen kann:

mix_humboldt_2.0_seminar

Danach werden die von den Teilnehmern gewünschten Themen durch Punkten ausgesucht:

unsere_thema_humboldt_2.0_seminar

In der folgenden Vorstellungsrunde erfahren die Teilnehmer voneinander Name und Aufgabe sowie die theoretischen und praktischen Vorkenntnisse im Projektmanagement.

Ich stelle noch kurz Regeln für das Seminar und die Präsentationen vor.

Umsetzung

Der Prozess startet:

  • Bildung von drei festen Teams (die Gruppen für die Ausarbeitung bilden sich nach den Wünschen der Teilnehmer)
  • Pro Team Verteilung von 2 Themen
  • Zu jedem Thema Festlegung eines Wissensträger aus der Gruppe, der gefragt werden kann
  • Sammlung von Fragen zu jedem Thema in der Gruppe (+ Ideen von mir) (15 Minuten)
  • Bearbeitung der ersten drei Themen in den Teams inkl. Aufbereitung zur Vorstellung im Plenum (mittels Flipchart, Pinnwand, PowerPoint, Prezi…) (2,5 bis 3 Stunden)
  • Vorstellung der Ergebnisse, Klärung der Fragen der Kollegen (je 1 Stunde)
  • Ggf. Ergänzung durch Trainerin

Die Methoden, die die Gruppen einsetzen

  • Internet
  • firmeneigenes SoMe Tool
  • Sammlung von eigenen Erfahrungen
  • Anfragen bei den Spezialisten aus der Gruppe
  • Anrufe bei Kollegen
  • Intranet
  • Präsentationsmedien
  • Flipcharts
  • Pinnwände
  • Filme
  • diverse Materialien, z. T. Gebasteltes

Präsentationen

  • lebendig
  • interaktiv mit dem Plenum zusammen
  • Ergänzungen durch mich

Zusätzlich mache ich zwei Projekt-Spiele zu den Themen Projektstart und –steuerung und stelle das Phasenmodell der Firma (LCM= Life Cycle Model) vor.

Am Ende fällt das Feedback der Teilnehmer unterschiedlich aus:

Positive Rückmeldungen sind:

  • sehr an ihren Bedürfnissen orientiert
  • nehmen viel mehr mit als sonst
  • noch mal viel über die eigene Firma gelernt
  • viel Neues erfahren
  • Kollegen intensiver kennen gelernt
  • viel Austausch in einer guten Tiefe
  • hat Spass gemacht
  • keine Minute Langeweile

Negative Rückmeldungen:

  • anstrengender als andere Seminare, weil man viel selbst entwickelt
  • nicht gut, weil man auf dem Seminar eigentlich mal seine Ruhe haben will und beschallt werden will
  • Trainer soll Folien zeigen
  • Trainer soll Input geben, dazu ist er da.

Mein Resümee nach mittlerweile einigen Seminaren in Humboldt 2.0 Manier:

Methodenklärung ist wichtig:

  • Zu Beginn des Seminars ist es wichtig, mit den Teilnehmern differenziert zu klären, was sie von den Inhalten in welcher Form haben wollen. Nicht jede Seminargruppe mag diese aktive Form der Wissensaneignung. Interessant ist dabei trotzdem, dass im Feedback dann kommt, dass sie sehr viel gelernt und sich keine Sekunde gelangweilt hätten…
  • Zielgruppe und Inhalte müssen zur Methode passen.
    • Methode ist nicht für jede Gruppe geeignet. Die Teilnehmer müssen einen bestimmten intellektuellen Hintergrund haben, Zusammenhänge verstehen und überschauen können, internetaffin sein, sich gut ausdrücken und gut visualisieren/ präsentieren können.
    • Methode ist nicht für jedes Thema geeignet. Es gibt Themen wie z. B. die Einführung von neuen TTM-Prozessen, Qualitätsthemen, juristische Themen, die besser durch Input vermittelt werden.
  • Die Ergänzung der Methode durch die zwei Projektspiele, die verblüffende Aha-Effekte und Erfahrungen bei den Teilnehmern auslösen, lockert den Seminarverlauf auf. Daran werde ich noch weiter arbeiten, evtl. versuchen, zu den einzelnen Schwerpunkten noch gezielter Spiele anzubieten.

Gruppendynamik

  • Gruppen sind schnell selbstorganisiert
  • Teilnehmer sind hochkonzentriert, nutzen aber auch Freiräume, indem sie sich manchmal zurückziehen
  • Gruppen orientieren sich an den eigenen? Fähigkeiten und Vorkenntnissen
  • Deutlich ist auf jeden Fall, dass die Gruppe viel intensiver als sonst agiert und auch Gruppendynamik und Interaktionen zwischen den Einzelnen lebendiger sind.

Wissensaneignung

  • Inhalte werden in einer deutlich besseren Tiefe und Breite vermittelt, weil viel mehr Quellen über den Trainer hinaus „angezapft“ werden
  • Durch den besseren Austausch in den Gruppen/ im Plenum wird mehr Wissen über Firmenspezifika vermittelt.

Infrastruktur

  • Es müssen geeignete Räumlichkeiten, Rückzugsmöglichkeiten für die kleinen Gruppen vorhanden sein
  • Equipment muss bereitgestellt sein
  • Internet muss in einer geeigneten Qualität laufen.

Aufgaben des Trainers verändern sich weg von Training hin zu Moderation

  • Während der Gruppenarbeiten wird es geschätzt, wenn der Trainer sich in den Gruppen blicken lässt und inhaltliche Anregungen gibt. Ich unterstütze die Gruppen, indem ich eigene Flipcharts zu den Themen zur Verfügung stelle, auf Internetseiten verweise oder anrege, sich mit Kollegen oder Teilnehmern aus der Gruppe kurz zu schliessen.
  • Bei der Erstellung der Präsentationen ist es wichtig, Anregungen zur Form der Präsentation zu geben, um die Phantasie der Teilnehmer anzuregen. Sonst kommen langweilige heruntergeschriebene Visualisierungen zustande. Hier ist noch ein Beispiel einer gelungenen Visualisierung durch die Teilnehmer:

stakeholder_management_humboldt_2.0_seminar

  • Während den Präsentationen und Diskussionen ist das Zeitmanagement durch den Trainer wichtig.
  • Als Trainer muss ich meistens noch Ergänzungen zu den Themen beisteuern. Dabei schätzen die Gruppen, wenn der Trainer Beispiele/ Geschichten auch gerne aus anderen Betrieben beisteuert.

Und was ich einfach wundervoll finde: auch ich lerne jetzt in jedem Seminar noch etwas dazu – und habe endlich wieder rundum Spass und Befriedigung in der Arbeit!